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Ein Jahr „Noah“ für unbegleitete minderjährige Geflüchtete

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haus overdyck bochumBochum-Hamme in den 1970er Jahren. Die sogenannte „Anstalt zur Rettung und Erziehung verlassener Waisenkinder und Verbrechern angehöriger Kinder“ am Bodelschwinghplatz flößte mir damals als kleines Kind stets ein flaues Gefühl des Unwohlseins ein. Kinderheime und Waisenhäuser in den Siebziger Jahren waren anders und sahen anders aus als heute. Und ein Spruch wie „Wenn du nicht brav bist, kommst du ins Kinderheim“ weckte bei mir sicherlich keine positiven Assoziationen zu dieser „Rettungsanstalt“ – und zu diesem doch eher furchteinflößenden alten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, in dem die Kinder und Jugendlichen damals doch weitestgehend unter sich blieben und bleiben mussten.

April 2016: In den letzten Wochen hatten mich mehrmals junge Leute, die zu Fuß aus Richtung der Bochumer Innenstadt auf der langen Dorstener Straße unterwegs waren und kein Deutsch sprachen, gefragt, wie weit es denn wohl noch bis zu diesem „Bodelschwinghplatz“ (schweres deutsches Wort) sei. Und das hat seinen Grund.

Denn während das schrecklich alte Gebäude der „Rettungsanstalt Overdyck“ im letzten Jahr endgültig abgerissen wurde (und ich nicht wirklich traurig drum war), befindet sich auf dem Gelände dieses „Kinder- und Jugendheims“ in einem jüngeren Gebäude inzwischen eine vorbildliche Modelleinrichtung namens „Noah“, die nun stolz ihr Einjähriges feiern kann.

Denn auch wenn „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ (UMF) im Amtsdeutsch nun allgemeiner „unbegleitete minderjährige Ausländer“ (UMA) heißen, geht es hier doch konkret um sie, um die zahlreichen jungen Geflüchteten, die ohne sorgeberechtigte Begleitung irgendwie Tag für Tag ihren Weg nach Bochum finden, die lange Dorstener Straße lang, bis hin zum Bodelschwinghplatz.

530 Hilfesuchende haben sich hier bei der Fachstelle innerhalb des letzten Jahres als „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ bzw. „Ausländer“ gemeldet. Das städtische Jugendamt hatte hier zusammen mit der Stiftung Overdyck im April 2015 nämlich eine zentrale Anlaufstelle für diese Jugendlichen geschaffen: die Wohngruppe „Noah“.

Zentral heißt: Jeder unbegleitete Schutzsuchende, der neu zu uns nach Bochum kommt, wohnt zunächst hier, in der von der Stiftung Overdyck betreuten Wohngruppe „Noah“, für maximal vier Wochen. Die meisten finden den Weg zu „Noah“ übrigens ganz allein, klingeln oft auch abends oder am Wochenende an der Tür – in der letzten Zeit meldeten sich rund vierzig junge Menschen pro Monat in der rund um die Uhr von Streetworkern musterhaft betreuten Einrichtung – und fragten erstmal nach einem Schlafplatz.

Zwanzig Betten in Doppelzimmern stehen dort zur Zeit für die Jugendlichen bereit, die nach einem ersten gemeinsamen Frühstück meist recht rasch beim Einkaufen und Kochen helfen, die nähere Umgebung in Hamme und das schöne Bochum insgesamt kennenlernen, dabei natürlich bei allen Gängen zu Ärzten und Ämtern fachlich begleitet und beraten werden – und so möglichst erfolgreich auf ein selbständiges Leben außerhalb von „Noah“ vorbereitet und mit vielen positiven Perspektiven versorgt werden sollen. Erst zentral, dann rasch dezentral. So geht Integration in Bochum. So geht Willkommenskultur.

Was im übrigen auch einen ebenso sensibilisierten wie sinnvollen Wandel in der Jugendhilfe generell zeigt: Statt wie in den Siebzigern alle Kinder und Jugendlichen zentral in diesem (jetzt ja nicht mehr existierenden) Stammhaus wie in einer unschönen Sammelstelle anzusiedeln und unterzubringen, setzt man heutzutage mit einem funktionierenden Netz an Therapeuten und Pflegefamilien zu Recht auf dezentrale Wohngruppen und spezialisiertere Angebote. Offen und modern.

Im übrigen hat sich der gute Ruf von Bochum als schöner Stadt (und idealer Anlaufstelle mit exemplarischer Unterstützung der minderjährigen Geflohenen) inzwischen nicht nur, aber vor allem in Guinea rumgesprochen: Über die Hälfte der meist hochmotivierten jugendlichen Selbstmelder kam aus Guinea hierhin, die andere Hälfte fand nach einer komplizierten Flucht aus so unterschiedlichen Ländern wie Afghanistan, Syrien, Marokko und dem Irak den Weg nach Hamme. Bochum, eine Stadt mit Weltruf!

Insofern hat sich mein ungutes Gefühl, das einst das vom Grafen von der Recke gegründete Kinderheim bei mir als Kind auslöste, im letzten Jahr, in eine überaus positive Stimmung verwandelt. Sie haben ihm ja einst ein Denkmal gebaut. Dem Grafen. Am Bodelschwinghplatz. Und wenn mich demnächst mal wieder ein Jugendlicher ohne Deutschkenntnisse auf halbem Weg von der Innenstadt nach dem Weg zum „Bodelschwinghplatz“ fragt, geb ich ihm anschließend noch mit auf den Weg: „Welcome in Bochum, ‚Noah‘ is toll!“

overdyck bochum

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