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Vorfreude: Die Spielzeit 2016/17 im Prinzregenttheater

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prinzregentthetaer 01 bochum

Über zwanzig Jahre ist es her, dass mich Philip Ridley mit seinen beiden dunkel funkelnden Filmdiamanten „The Reflecting Skin“ („Schrei in der Stille“) und „The Passion of Darkly Noon“ geflasht hat. Leider ist ihm danach die ganz große Kino-Karriere versagt geblieben, weshalb er sich nach seinem dritten Kinofilm („Heartless“) in den letzten Jahren vermehrt aufs Stücke- und Storys-Schreiben verlegt hat, wovon man in deutschen Gefilden leider nur sehr wenig mitbekommt (in der Rottstraße gab’s mal seinen „Disney-Killer“). Insofern bin ich schon jetzt gespannt wie ein Flitzebogen, wenn Frank Weiß sich in der nächsten Spielzeit am Prinzregenttheater Ridleys „Tender Napalm“ annehmen und den Stoff als deutsche Erstaufführung und siebte (und letzte) Premiere der 2016/17er-Saison auf die Bühne hieven wird.

Doch bis Frühommer 2017 ist noch viel Wasser die Ruhr hinuntergeflosssen und reichlich  Zeit für reichlich Vorfreude, also fangen wir noch mal ganz von vorne an.

Ebenfalls von Frank Weiß inszeniert wird nämlich schon zum Spielzeit-Start am 16. SeptemberMichael Kohlhaas“ nach der Novelle von Heinrich von Kleist, in der bekanntlich ein rebellischer Gerechtigkeitsfanatiker zu den Mitteln der Selbstjustiz greift und sich wie ein deutscher Don Quijote auf Moralaposteltour alsbald im Spannungsfeld zwischen Gewalt und Gegengewalt, Freiheit und Unterdrückung verirrt und verstrickt.

Aber apropos „Don Quiijote“: Auch den höchstselbst trifft man demnächst im Prinzregenttheater an, denn die tatendurstige „Grubengold“-Truppe um Holger Wagner wird sich nun erstmals mit einem literarischen Stoff (nämlich diesem) auseinandersetzen. Das vorbildlich engagierte PRT-Projekt von und mit geflüchteten Menschen wird ab dem 21. April 2017 Cervantes‘ verträumten Ritter von der traurigen Gestalt auf den Bühnen-Brettern das Unrecht bekämpfen und das Leben bewältigen lassen.

Man merkt: Mit den Premieren der Spielzeit 2016/17 will das Prinzregenttheater auf die Suche nach den Möglichkeiten und Grenzen der Verortung und Verantwortung des Einzelnen in einer sich zunehmend zersplitternden Gesellschaft gehen. Das Motto der Spielzeit heißt denn auch nicht mehr „Revier für Held*innen“, sondern „Wir?“ – und das Fragezeichen im Titel deutet denn auch gleich an, dass die Frage „Zu welchem ‚Wir‘ will ich eigentlich gehören?“ als komplexer Konflikt zwischen Individuum und wie auch immer definierter Gruppe hier öfter in den Theaterraum gestellt werden wird: Wer bin ich und wenn ja wie viele? „Wir Bochumer“, „Wir Deutschen“, „Wir Europäer“? „Wir Ex-Opelaner“, „Wir Weltmeister“, „Wir Päpste“? „Wir Punker“, „Wir Politiker“, „Wir Patrioten“? „Wir Pazifisten“, „Wir Atheisten“, „Wir Veganer“? „Wir Senioren“, „Wir Teenies“? Wir Menschen.

Aber apropos Teenies: Mit der Ü15-Abteilung des PRT-Jugendclubs „Junge Prinz*essinnen“ wird schon ab dem 21. Oktober mit dem „Spieltrieb“ von Juli Zeh an den Grundfesten von Wertprinzipien gesägt und der Generationenkonflikt verhandelt. Und um noch mal kurz aufs Filmgeschäft zurückzukommen: Nach der fulminanten „Farm der Tiere“ in der letzten Saison hab ich so viel Vertrauen in Leiterin Clara Nielebock, das im PRT jene völlig verhunzte Kinoadaption von „Spieltrieb“ garantiert um Längen getoppt werden wird!

Die Zusammenarbeit mit der Folkwang-Uni wird ebenfalls fortgesetzt, und nach den „Helden“ in der Inszenierung von Laura Junghanns darf nun der junge Daniel Kunze als Regisseur ran, der unlängst in der Rottstraße ja eine geradezu grandiose „Odyssee“ abgeliefert hat. Fürs PRT nimmt er sich nun keine Geringere als Elfriede Jelinek zur Brust, die sich Inszenierungen ihrer Stücke in Bochum ja so lange verbeten hatte, so lange nicht erst einmal das Schauspielhaus eines ihrer Stücke auf die Bühne gebracht hat! Da das große Schauspielhaus ja nun mit Jelineks „Schutzbefohlenen“ endlich dieser Pflicht nachgekommen ist, darf Daniel Kunze nun mit Jelineks Segen endlich ihr endzeitmäßiges Geisterszenario „Kein Licht.“ ab 07. Januar 2017 im Prinzregenttheater stemmen.

Kommen wir zu guter Letzt aber auch noch zur PRT-Leiterin Romy Schmidt. Auch die hat sich für die neue Spielzeit wieder viel vorgenommen: Erstens wird sie nach langer Zeit endlich mal wieder ein Kinderstück inszenieren (vor vier Jahren hat sie in Darmstadt „Die Schneekönigin“ inszeniert) und mit einem klassischen Fantasystoff auch jene letzte Zuschauerschicht erobern, die in ihrer ersten Saison als Zielgruppe vielleicht noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Ihr Kinderlein kommet: Ab dem 24. November kommt „Die Schöne und das Biest“ als Weihnachtsmärchen für die ganze Familie jedenfalls grad zur rechten (Advents-)Zeit!

Zweitens wird Romy Schmidt mit der Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ einem ihrer großen Inspiratoren huldigen. Es ist eine berührende Lovestory und es ist ein beklemmendes Lehrstück, diese „unmögliche“ Beziehung zwischen der sechzigjährigen Hausfrau Emmi und dem dreißig Jahre jüngeren türkischen Gastarbeiter Ali, die einst deutsche Kinogeschichte geschrieben hat – und ich (ich wiederhole mich) bin auch hier schon gespannt wie ein Flitzebogen, wer wohl Ende Februar 2017 die Rolle der Emmi spielen wird, die einst Brigitte Mira so legendär ausfüllte!

So schließt sich mit diesem genialischen Theater- und Filmemacher Fassbinder denn auch auch der Kreis eines sehr sehr runden Programms, auf das wir uns wirklich freuen können. Wer sind wir? Wir Bochumer. Wir Theaterfreunde. Wir Menschen.

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